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2009
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Nachruf:
Hanne Darboven starb im Alter von 67 Jahren in Hamburg
Die
Kunst war ihr Konzept
Von
Claus Friede
Hamburg
- Hanne Darboven war eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen.
Am vergangenen Montag starb sie in Hamburg, am 29. April wäre
sie 68 Jahre alt geworden.Geboren 1941 in München, wächst
sie mit zwei Schwestern in Hamburg auf. Die Hamburger Kaufmannsfamilie
Darboven gehört zum großbürgerlichen, weltoffenen
Großstadtmilieu und lebt im ländlichen Rönneburg.1962
beginnt sie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg
ihr Kunststudium, zunächst bei Wilhelm Grimm, dann bei dem
Künstler und Grafiker Almir Mavignier. Sie merkt nach ein paar
Jahren, dass sie Hamburg verlassen muss, um sich künstlerisch
weiterzuentwickeln. Noch während des Studiums begibt sie sich
1966 für zwei Jahre nach New York, ins damalige Zentrum der
zeitgenössischen Kunst, wo die Minimal- und Konzeptkunst entwickelt
wurde.Zwar lebt sie die erste Zeit geradezu isoliert im Big Apple,
doch kommt sie bald mit den Protagonisten der aktuellen Kunstströmungen
in Kontakt. Sie freundet sich mit dem Namensgeber der Conceptual
Art, Sol LeWitt, und mit der Kuratorin Lucy Lippard an, trifft die
Minimalkünstler Carl Andre und Dan Flavin, begegnet wichtigen
Galeristen wie Leo Castelli, mit dem sie später zusammenarbeitet.Malerei,
Farbe und jegliche expressive künstlerische Äußerung
auf Leinwand sind bei der New Yorker Avantgarde zu jener Zeit verpönt:
Kunst ist in dieser Zeit Konzept, Idee, Bedeutung, Text und Anleitung.
In diesem Klima entwickelt Hanne Darboven ihre ersten Werke und
Systeme einfacher Zahlenabläufe mit äußerst komplexen
Variationsfolgen. Hier legt sie den Grundstein für ihr gesamtes
weiteres Werk. Das Serielle und Prozesshafte wird ihr zukünftiges
Arbeiten bestimmen. In New York beginnt ihre internationale Karriere.Inzwischen
gibt es kaum ein großes Museum, das ihre Werke nicht gezeigt
hätte. Allein in Norddeutschland: die Hamburger Kunsthalle,
die Deichtorhallen und die Kestner-Gesellschaft in Hannover. Viermal
war sie auf der Documenta in Kassel vertreten, und sie präsentierte
1982 Deutschland auf der Biennale di Venezia. In Erinnerung bleiben
werden auch ihre letzten großen Werkschauen bei der Deutschen
Guggenheim und im Hamburger Bahnhof in Berlin. 1985 erhielt sie
den Edwin-Scharff-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg, 1994
den Lichtwark-Preis der Stadt Hamburg und im Jahr 1997 wurde sie
zum Mitglied der Akademie der Künste in Berlin berufen.Ich
lernte Hanne Darboven Mitte der 80er-Jahre kennen, als ich an der
Hochschule für bildende Künste studierte - sie war eine
große Künstlerin. Ich begleitete eine Freundin, die für
ein Kunstmagazin arbeitete und einen Termin mit ihr in Harburg vereinbart
hatte. Es sollte um ein Interview über Arno Schmidt gehen,
dessen Schreibtechnik Hanne Darboven besonders schätzte. Mit
einem Exemplar von "Kühe in Halbtrauer" bewaffnet,
standen wir vor der Eingangstür ihres Atelierhauses. Mir klopfte
das Herz, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, was uns erwarten
würde. Etwas spröde sei sie, hatte mir mein Professor
an der Hochschule gesagt. Ich erlebte sie ganz anders, interessiert
und warmherzig gegenüber einem jungen Kunststudenten wie mir.
Ging es anfangs noch um Arno Schmidt, waren wir schnell bei anderen
Themen, sprachen über Rainer Werner Fassbinder, Bismarck, über
die Wahrnehmung von Zeit, über tagebuchartiges Arbeiten, Fleißarbeit
und die Petersburger Hängung. Sie zeigte uns ihre akribische
und geduldige Arbeitstechnik. Ihr Arbeitstisch war so ästhetisch
sortiert wie ihr Werk, alles hatte seinen Platz: Papierstapel, Arbeitsmappen,
gerahmte Fotos, ein großer schwarzer Aschenbecher, Schreibwerkzeug.
Hanne Darboven nahm sich viel Zeit für uns - und dabei viele
Zigaretten aus der Schachtel. Die Räume waren fast vollständig
zugehängt und zugestellt, Bilderrahmen über Bilderrahmen,
Utensilien, teilweise nur schmale Gänge zwischen Tischen, Kommoden,
Vitrinen, randvoll mit allerlei Sammelobjekten. Zu jedem Stück
gab es eine und ihre Geschichte. Sie stellte Beziehungen und Bezüge
her. Sie zeigte uns Arbeitszyklen, öffnete Schubladen mit Blättern
aus ihrer New Yorker Zeit. Zahlenkolonnen, Rechenergebnisse auf
kariertem Papier. Sie öffnete eine Schachtel und Verpackung
nach der anderen, bis es dunkel geworden war. Aus einem kurzen Interviewtermin
wurde eine Exkursion in die künstlerische Welt der Hanne Darboven.Wir
trafen uns danach immer wieder, etwa ein Jahr später, als sie
die Ausstellung "Theatre 1985" in der Hamburger Galerie
Ascan Crone vorbereitete. Tagelang war ich damit beschäftigt,
die zig Bilderrahmen, die ihre Zahlenadditionen, tagebuchähnlichen
Schreibwerke und Einträge hielten, präzise ohne Zwischenräume
an die Wand zu bringen. Und danach trafen wir uns regelmäßig
anlässlich ihrer Ausstellungen.Von ihrem Werk kann, muss man
beeindruckt sein! Ich war seit dem ersten Zusammentreffen von ihrer
Klarheit, Überlegtheit und ihrem Wissen so hingerissen, dass
dieser Atelierbesuch zu den nachhaltigsten gehört, die ich
jemals erleben durfte. Seither habe ich Hanne Darboven und die Eindrücke
in ihrem Haus bildlich vor meinen Augen. Bei ihr verschmolzen menschliches
Wesen und künstlerische Arbeitsweise zu einer kreativen, einzigartigen
Einheit. Die Ergebnisse ihres vielseitigen und komplexen Werks und
Wirkens, das von einem musikalischen Interesse über die Hinwendung
zu Literatur und Theater bis hin zur Fotografie reichte, werden
uns erhalten bleiben.
Der
Autor Claus Friede lebt als Kulturmanager, Moderator und Veranstalter
in Hamburg.
erschienen
am 14. März 2009
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Wim Bosch - Fruchtbare Augenblicke
Von
Claus Friede
Der
niederländische Künstler Wim Bosch ist Maler. Obwohl nicht
ein einziges Bild in der Ausstellung nach Malerei aussieht, sondern
alles durchweg aus digital bearbeiteter, collagierter Fotografie
besteht, ist die Erwähnung, dass er Maler ist, insofern wichtig,
weil sich dies aus der konsequenten Arbeitsweise erschließt:
Er beginnt mit der leeren, weißen Fläche und komponiert
seine einzelnen fotografischen Fragmente Stück für Stück
zu einem Ganzen. Bosch arbeitet überdies seit 20 Jahren an
seinem Themenkanon: Interieur, Innen und Außen sowie privat
und öffentlich. Waren seine Malereien in den 1990er Jahren
aus Acryl, Öl und Fotofragmenten auf Leinwand und Sperrholz
und in einer Art fotorealistischer Manier gemalt, so ist es nur
schlüssig, dass er sich seit 2001 dem Medium der Fotografie
ganz und ausschließlich stellt und alle Facetten der digitalen
Eingriffsmöglichkeiten im Bild nutzt.
Die
Bilderwelten von Bosch entpuppen sich als komplexe, vielschichtige
und filmisch anmutende Werke, die Zeit zum Betrachten benötigen.
Die Schichten, Ebenen, Reflexionen und Spiegelungen innerhalb des
Bildraumes erzeugen Geschichten. Einem Filmstill gleich, ist nur
scheinbar ein kurzer Moment eines sich fortlaufend bewegenden Zeitgefüges
sichtbar. Jedoch schafft es der Künstler, und hier liegt die
Brisanz, seinen Bildern etwas zu geben, was Gotthold Ephraim Lessing
den „prägnanten Moment oder fruchtbaren Augenblick“
nannte. Dieser impliziert keinen abgeschlossenen oder beendeten
Vorgang, der alles aus sich heraus klärt und solitär aus
der Welt herausgehoben werden darf. Die Bildelemente tragen vielmehr
immer sowohl ihr eigenes Vorher als auch ihr Nachher in sich und
verschließen sich nicht unseren eigenen imaginären Zeitachsen.
Durch die Bildsemantik wird der Betrachter zum Weiterspinnen der
Bildgeschichte veranlasst, nicht aber durch Mit- und Nachvollzug
des tatsächlich Geschehenen, sondern durch die produktive Beteiligung
der eigenen Einbildungskraft. Somit geben die Arbeiten zu bedenken,
dass die vermeintliche Ruhe gleich vorbei sein wird - der Ort, der
Raum und die Situation sich gleich wieder verändert haben werden.
Es ist nicht die Ruhe allein, die den Betrachter anzieht, es ist
auch der Verweis darauf, dass sich die Gegebenheiten in einem völlig
anderen Aggregatzustand schon befunden haben oder gleich befinden
können. Die Fotowerke sind Inszenierungen, die den Betrachter
nicht nur zum Beobachter, sondern gleichzeitig auch zum Entdecker
werden lassen.
Immer
taucht die Motivik eines etwas spießigen, bürgerlichen
Umfelds auf, Szenen innerhalb von Wohnungen oder Blicke aus Fenstern,
durch Scheiben auf Garten- oder Architekturfragmente. Dabei spielen
in den neuesten Arbeiten Fensterrahmen eine entscheidende Rolle:
Sie sind so etwas wie die architektonische und kompositorische Struktur,
aber gleichzeitig auch Täuschung, denn der Künstler stellt
uns spielerisch die Frage: Was ist innen und was ist außen?
Und wir können es nicht immer beantworten.
Zimmer-,
Vorgartenpflanzen und Ranken, Tapeten mit floralen Mustern, die
Reflexion einer Glühbirne, von Möbeln, eines alten Fernsehers
oder einer Stehlampe sind Bestandteile seines Repertoires. Auch
finden wir Personen in Momenten des Privat-Seins oder in Interaktionen,
vermeintlich geschützt und unbeobachtet im Inneren der eigenen
Wohnung. Wir können aber die Vorgänge nicht lesen und
entschlüsseln, wir müssen sie uns erdenken.
Wim Bosch definiert seine Inhalte wie auch die Fotografie selbst
als offen, fächert Perspektiven auf und erweitert dadurch immer
wieder die Spielräume des Betrachters. |
2008
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Der Himmel der
Kostbarkeiten
Schätze
aus dem Nationalen Palastmuseum, Taiwan
Von
Claus Friede W I E N, Februar 2008 –
Lange
hat es gedauert, um eine solche Ausstellung auf die Beine zu stellen:
vier Jahre, und dafür gibt es vielerlei Gründe. Dass eine
Kunstausstellung mit den wertvollsten und bedeutendsten Schätzen
chinesischer Kunst aus Taiwan in Wien gezeigt wird, ist per se neben
einer kulturhistorisch brisanten Ausstellung, auch eine politisch
heikle Angelegenheit. Der
Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums in Wien, Wilfried
Seipel, war von Anfang der Planungen an bemüht, mit diplomatischem
Geschick und in vielen Gesprächen die Volksrepublik China in
irgendeiner Form mit einzubinden. Das misslang. Im Gegenteil, mit
großer Beharrlichkeit versuchten im Vorfeld der Ausstellung
die Vertreter aus Beijing durchzusetzen, die Begriffe „national“
und „Taiwan“ auf keinem Druckerzeugnis auftauchen zu
lassen.
So
sprach Seipel auch immer nur vom „Palastmuseum in Taipeh“
und vermied den Eindruck, es handle sich um eine taiwanische Ausstellung,
als vielmehr um eine zur chinesischen Kultur, und er verwies immer
wieder auf die guten Beziehungen zu China.
Auch
die Direktorin des Palastmuseums Lin Mun-lee und die dortige Kuratorenschaft
fokussieren eher das gemeinsame Kulturerbe und die globale Bedeutung
als die politisch verzwickten Hintergründe. Die Kollegen aus
Taiwan sind nicht zu beneiden, denn wie Sisyphus wälzen sie
den Felsen ihrer Geschichte den Hang hinauf, der ihnen immer wieder
durch die vom Festland eingeforderte „Ein-China-Politik“
entgleitet.
Nur
wenige Länder garantieren die „Unter-Schutz-Stellung“
der Kunstwerke, um zu verhindern, dass die Volksrepublik China über
den juristischen Weg und Beschlagnahme Zugriff auf die Kulturgüter
erhält. Deutschland und Österreich geben diese Zusicherung.
Anders hätte sich das Palastmuseum auch keinem Land und keinem
Museum anvertraut. Und die Bestände des Palastmuseums gelten
zu Recht weltweit als umfangreichste und kostbarste Sammlung chinesischer
Kunst.
Wichtige
Teile dieser Kunstschätze hatte die nationalistische Regierung
der Kuomintang unter Tschiang Kai-schek zunächst in den Kriegsjahren
zwischen 1936 und 1945 aus Beijing vor den Japanern zu schützen
versucht. 20.000 Kisten wurden gepackt und einer Odyssee gleich
in jener Zeit durch das Land gebracht. Die bedeutsamsten und wertvollsten
Stücke ließ Tschiang Kai-schek dann kurz vor der Niederlage
gegen die kommunistischen Truppen der „Volksbefreiungsarmee“
in 3.000 Kisten verpacken und auf die Insel Taiwan verbringen. Er
selbst folgte mit seinen Anhängern später nach. Seit den
1960er-Jahren sind die Exponate im Palastmuseum in Taipeh öffentlich
zu sehen.
Der
Generaldirektor und die Kuratorin der Ausstellung, Renate Noda,
haben in Taipeh 116 Objekte, Malereien, Kalligraphie- und Buchdokumente
ausgesucht und in zwei großen Räumen des Kunsthistorischen
Museums in Wien zugänglich gemacht. Ihr Verdienst ist es, dass
sie eine vielseitige Ausstellung zusammengestellt haben, die weder
unüberschaubar also zu groß ist, noch qualitative Kompromisse
eingehen musste. Vielmehr haben die Ausstellungsmacher mit, gemessen
am Thema, wenigen Objekten eine exemplarische Übersicht geschaffen.
Ihr gelungenes Credo entwickelt die Präsentation über
zwei Kriterien. Grundlage der Auswahl ist einerseits explizit die
europäische Sichtweise auf chinesische Kunst, ohne Klischees
und chinoise Künstlichkeiten zu bedienen. Und andererseits
definiert sich die Ausstellung über das facettenreiche Material.
Jade, Bronze, Keramik und Porzellan, aber auch geschnitzter Bambus
und Elfenbein bilden die Materialität der Stücke. Daneben
Tuschwerke auf Papier chinesischer Kalligraphiemeister und Maler.
Der
„Anhänger in Gestalt eines Vogels“ ist das älteste
Objekt der Schau und entstand vor etwa 6.000 Jahren als reine rituelle
und stilisierte Jadefigur. Der "Krug mit röhrenförmigen
Henkeln“ aus der südlichen Song-Dynastie (1127-1279)
gehört zu den Seladonen, wie man das grünfarbene chinesische
Steinzeug nennt. Die brüchige Craquelé-Struktur verziert
die undekorierte Oberfläche des Krugs und symbolisiert regelrecht
die vorher erwähnten problematischen Beziehungen: Oberflächenspannungen
erzeugen beim Abkühlen eben Risse, die nicht immer so ästhetisch
daherkommen wie dieses Gefäß.
Schon
in früheren Jahrhunderten waren chinesische Künstler Meister
im Kopieren. Eine über 11 Meter lange Bildrolle mit dem Titel
"Beim Gräberfest den Fluss entlang" zeigt die heutige
Stadt Kaifeng im Stile der Genremalerei des 18. Jahrhunderts. Die
berühmteste Darstellung dieses Themas hängt im Palastmuseum
in Beijing. Unter den zahlreichen Kopien gilt die in Wien gezeigte
als die beliebteste.
Bei
den Buchdokumenten findet sich eine dreibändige handschriftliche
Anthologie "Gedichte des Qing-Kaisers Qianlong" der Qing-Dynastie
(1737-1795). Sein Leben lang war Kaiser Qianlong ein begeisterter
und eifriger Kalligraph und Gedichteschreiber. Er liebte es, mit
Pinsel und Tusche zu arbeiten, und hinterließ fast 42.000
Werke. Welcher Künstler kann von sich schon behaupten, er sei
Kaiser von China? Und welcher heutige Staatsmann, er sei Künstler!
Die
Ausstellung SCHÄTZE AUS DEM NATIONALEN PALASTMUSEUM, TAIWAN
ist noch bis zum 13.5.2008 im Kunsthistorischen Museum in Wien zu
sehen. Der Katalog kostet 49,90 € und kann über den Online-Shop
des Museums bezogen werden.
2007
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documenta
12 Die Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst:
Erfolgreich und umstritten
Alles
nur postmoderne Langeweile?
Drei bissige Momentaufnahmen während eines
Rundgangs über die documenta.
Von
Claus Friede
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Kunstwerk
mit kurzer Halbwertzeit: Das Mohnblumenfeld der kroatischen
Künstlerin
Sanja Ivekovic vor dem Fridericianum ist längst verblüht.
Foto: rtr |
K A S S E L - Nebenschauplätze:
"No flash, bitte!
Alles
fing bei der Tanzperformance in der Arbeit der "Trisha Brown Dance
Company" im Fridericianum an. Musik spielt vom Band, die Bewegungen
der Tänzer sind ruhig, kalkulierbar, kontemplativ, fast schwerelos.
Nach ein paar Sekunden begreife ich, dass parallel im selben Raum
eine weitere Performance, eine regelrechte Gegen-Performance läuft:
die des Aufsichtspersonals. Im documenta-Katalog nicht zu finden,
habe ich mir selbst einen Titel für diese zweite Darbietung
ausgedacht: "No flash, bitte!" Mit einer Art weißer Küchenschürze
und den darauf gehauchten Worten "Aufsicht - Guard" tänzelt
sie quer durch die eigentlichen Performer auf einen asiatischen
Besucher zu und ruft aus drei Meter Entfernung: "No video, please!"
Keiner der Tanzenden lässt sich davon stören, und schon
ist sie, die Aufsichtsperson, beim nächsten potenziellen Fotografierer
oder Filmer. Die Trisha-Brown-Tänzer sind längst aus dem
Fokus der Besucher verschwunden, weil die Zweit-Performance spannend
weitergeht. Sie wendet sich quer durch den Raum einer Frau zu, die
ihre Kamera hochhält. Es blitzt. "No flash, bitte!", ruft es
verärgert. Jede Linse wird aufgespürt, "Aufsicht - Guard"
schlängelt sich schnellen und sicheren Schrittes quer durch
den Raum und schafft es in 20 Minuten fünfmal "Kein Video"
zu sagen, achtmal "Kein Blitz" und 16-mal Handzeichen zu geben und
zu nicken, wenn potenzielle Verbotsüberschreiter einsichtig
sind. Wird das Trisha Brown gerecht?, frage ich mich - und: Ob sie
davon weiß? Bei meinen weiteren Stationen in der documenta-Halle,
im Aue-Pavillon und in der Neuen Galerie merke ich erst, dass es
sich um eine Großperformance, um ein Gesamtkunstwerk des Aufsichtspersonals
handelt. Es muss speziell trainiert sein. So wird ein älterer
Herr in der documenta-Halle von einer jungen Küchenschürzenträgerin
gefragt: "Sie wissen, dass diese Gehstöcke in der Ausstellung
nicht gestattet sind?" Er hat aber Glück und darf nach seinem
Protest seinen gebrechlichen Körper weiterhin auf die Krücken
stützen. Schnell wird man selbst in die Performance einbezogen,
ob man will oder nicht - auch wenn man wegen der Kunst und nicht
der Gegen-Performance dort ist. Hat man das Jackett wegen der hohen
Temperaturen über den Arm gehängt, wird man am Eingang
zum Aue-Pavillon aufgefordert, es anzuziehen, und das in einem Ton,
der klingt wie: "Hinten anstellen!" Ein paar Meter weiter liegen
Kopfhörer auf einer Glasplatte, die darauf warten, benutzt
zu werden. Nicht jedem gelingt es, die Kopfhörer aufzunehmen,
ohne die Glasplatte zu berühren. Dann heißt es: "Glasplatte
bitte nicht berühren." Das war freundlich, wenn da nicht ein
zweiter Satz gefolgt wäre: "Fassen Sie im Louvre auch die Kunstwerke
an?"
Mein
Schuh ist offen, und ich bücke mich. Keine drei Sekunden später
steht eine Aufsicht neben mir. Ich schaue hoch, er schaut auf mich
herunter und fragt, was ich da mache. "Schuhe zubinden - auch verboten?"
Die
documenta konzentriert in einem Kunstwerk
Lin
Yilin heißt ein chinesischer Künstler, der aus Guangzhou
stammt und seit 2001 in New York lebt. Seine auf der documenta gezeigte
Videoarbeit stammt aus dem Jahr 1995 und trägt den Titel: "Safely
Manoevering Across Lin-He-Road" oder zu Deutsch: "Wie komme ich
sicher von einer Seite der Lin-He-Straße auf die andere?"
Viel präziser aber wäre die Frage: Wie schafft es der
Künstler, 48 riesige und schwere Ziegelsteine ohne Hilfsmittel
wie Schubkarre oder ein Heer von Helfern von einer Seite der Straße
auf die andere zu einer riesigen Baustelle zu bringen - quer durch
den fließenden Verkehr!? Er türmt jeweils zwölf
Steine in einer Viererreihe als Mauer übereinander und fängt
am einen Ende an, diese abzutragen, um sie auf der anderen Seite
der losen Mauer wieder aufzutürmen. So wandert die Mauer einmal
in knapp 50 Minuten quer über den Zebrastreifen. Dass das nicht
so einfach zu machen ist, liegt an mehreren Faktoren: Zunächst
ist da der laufende Verkehr - Busse, Radfahrer, Autos und Fußgänger,
die dem Hindernis ausweichen müssen. Klar, dass das nicht ohne
Hupen und aus den Fenstern gerufenen Kommentaren abgeht. Die Fahrer
zeigen sich letztlich recht tolerant, denn eine Berührung der
Mauer durch das Fahrzeug kann ungeahnte Folgen mit sich bringen,
insbesondere Kratzer im Lack. Dem Betrachter wird schnell klar:
Nicht die Mauer ist in Gefahr, umgefahren zu werden. Um den Künstler
muss man sich weitaus mehr Sorgen machen. So langsam zieht sich
eine dünne Materialspur über den Übergang, und dann
passiert es doch, ein Mauersegment fällt um, ein Stein zerbricht.
Verlust ist einkalkuliert, denn der Künstler nähert sich
dem Bordstein, und der ist bekanntlich höher als das Straßenniveau
- da fällt es gar nicht auf, dass ein Stein zu Bruch ging,
denn die Mauerhöhe bleibt gewahrt. Ein weiterer Faktor sind
die Arbeiter der Großbaustelle gegenüber. Sie schauen
ab und zu vorbei, lachend, neugierig, respektvoll am Ende. Aber
keiner kommt auf die Idee, dem Künstler zu helfen, niemand
ist flexibel, mitfühlend oder -denkend. Während Lin seine
Mauer über die Straße geschafft hat, haben die Arbeiter
den Hochhäusern im Hintergrund ein neues Stockwerk hinzugefügt.
Eine
wirklich hervorragende Arbeit. Sie ist auch deswegen gut, weil sie
im Grunde diese documenta 12 symbolisch präsentiert: Ungeachtet
der starken Gedankenströme baut Roger M. Buergel seine Kunstmauer
quer über die Kasseler Kunstorte. Bloß kommt er im Gegensatz
zum chinesischen Künstler nicht an.
Die
Innovation ist nur eine Illusion
Die
documenta 12 wird wohl nicht in die Annalen eingehen. Sie schafft
es nicht, sich zu verorten und richtungsbezogen etwas begrifflich
zu begründen, das den Besucher in die Zukunft entlässt.
Vielmehr argumentiert die Ausstellung postmodern. Die überwiegende
Mehrheit der künstlerischen Werke sind von der Entstehung und
der Auffassung her, Arbeiten der 1970er- und 80er-Jahre. Die documenta
12 gibt sich modern, wobei alles Moderne bereits kunstgeschichtlich
alt ist. Die Innovation wird zur Illusion. Wenig, an dem sich der
Betrachter wirklich entlangentwickeln könnte. Von jedem einzelnen
Kunstwerk muss man sich bei seinem Rundgang regelrecht verabschieden,
um ein neues Werk zu sehen, weil keine benennbaren Bezüge gezeigt
werden. Alles steht scheinbar unbelastet nebeneinander, die Werke
laufen fast ausnahmslos parallel und unabhängig voneinander
- das macht es für den Besucher schwer und unnötig anstrengend.
Die wenigen herausragenden Arbeiten können sich zwar gegen
die kulturelle Beliebigkeit absetzen, aber letztendlich fehlen auch
ihnen die Bezugspunkte. Buergel und seine Crew schaffen es nicht,
die Verbindungslinien der Kulturen und der globalen Fragestellungen
tatsächlich herzustellen und sie dort, wo es notwendig ist,
miteinander zu verknüpfen.
Für
die nächsten documenta-Macher wäre wohl die Diskussion
um die "Transmoderne" angebracht: Zusammenfassung und Zurückhaltung
statt Orientierungslosigkeit in der Vielfalt.
*
Unser Gastautor Claus Friede betreibt in Hamburg
die Kunstagentur "claus friede contemporary art" und moderiert jede
Woche das Kulturmagazin "Lampenfieber" im Hamburg-1-Fernsehen.
erschienen am 29. August 2007
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